Wie der Reichskanzler zum Hering kam
Wer einen Bismarckhering bestellt, denkt vermutlich zuerst an Fisch und weniger an deutsche Geschichte. Dabei trägt kaum eine andere norddeutsche Spezialität einen politisch derart prominenten Namen. Otto von Bismarck, erster Reichskanzler des Deutschen Reiches, hat den Hering weder erfunden noch selbst eingelegt. Mit der Geschichte der Spezialität ist er trotzdem seit mehr als 150 Jahren verbunden – und diese Geschichte führt ausgerechnet nach Stralsund.
Salzen, räuchern, einlegen
Der Hering gehörte an der Ostseeküste schon lange vor Bismarck zu den wichtigsten Lebensmitteln. Er war reichlich verfügbar, vergleichsweise preiswert und ließ sich durch Salzen, Räuchern oder Einlegen haltbar machen. Gerade für Hafen- und Handelsstädte spielte er wirtschaftlich eine erhebliche Rolle. Auch Stralsund verdankte dem Fisch über Jahrhunderte einen Teil seines Wohlstandes. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich daraus zunehmend eine gewerbliche Fischverarbeitung, und an dieser Stelle tritt der Stralsunder Kaufmann Johann Wiechmann auf den Plan.
Stralsunder Geschichte oder Seemannsgarn?
Wiechmann betrieb seit den 1850er-Jahren in Stralsund ein Geschäft und gründete später eine Fischkonservenfabrik. Seine Frau Karoline legte Heringe in einem sauren Sud ein und füllte sie für den Versand in kleine Holzfässer. Johann Wiechmann wiederum soll ein großer Verehrer Otto von Bismarcks gewesen sein. Der Familienüberlieferung zufolge schickte er dem Politiker zunächst zu dessen Geburtstag ein Fässchen mit eingelegten Heringen. Nach der Gründung des Deutschen Reiches 1871 folgte eine weitere Sendung, verbunden mit der Bitte, die Spezialität künftig unter dem Namen „Bismarckhering“ verkaufen zu dürfen.
Bismarck soll zugestimmt haben. Das entsprechende Schreiben habe noch jahrzehntelang im Besitz der Familie Wiechmann existiert und sei beim Bombenangriff auf Stralsund im Oktober 1944 verloren gegangen. Genau hier endet die sichere Geschichtsschreibung und beginnt die Legende. Für die Entstehung des Namens existieren noch andere Erklärungen, darunter eine Geschichte aus Flensburg, nach der Bismarck bereits während des Deutsch-Dänischen Krieges 1864 Gefallen an einem entsprechend zubereiteten Hering gefunden haben soll. Belegen lässt sich keine dieser Versionen zweifelsfrei. Die Verbindung zwischen Stralsund, der Familie Wiechmann und dem Bismarckhering hat sich allerdings bis heute gehalten. In der Hansestadt gehört der Bismarckhering inzwischen ebenso zur kulinarischen Identität wie der Hafen und die lange Tradition des Fischhandels.
Freude an gutem Essen
Ganz abwegig war es ohnehin nicht, eine Speise nach Bismarck zu benennen. Der Reichskanzler war für seine ausgeprägte Freude an gutem und reichlichem Essen bekannt, und sein Name wurde bereits zu Lebzeiten für zahlreiche Produkte verwendet. Vom Mineralwasser bis zu verschiedenen Speisen reichte der damalige Bismarck-Kult. Auch ein häufig zitiertes Bonmot über den Hering wird ihm zugeschrieben: Wäre der Fisch so teuer wie Kaviar, würden ihn die Menschen vermutlich wesentlich höher schätzen. Ob Bismarck den Satz tatsächlich genau so gesagt hat, ist ebenso wenig sicher wie manche andere Anekdote aus seinem Leben. Zum Bismarckhering passt er allerdings ausgezeichnet.
Kulinarisch ist der Bismarckhering eine ausgesprochen geradlinige Spezialität. Der Hering wird ausgenommen, geöffnet und in einer säuerlichen Marinade eingelegt. Essig sorgt für die charakteristische Frische und zugleich für die Reifung des Fischs, traditionell kommen Zwiebeln und Gewürze wie Senfkörner und Lorbeer dazu. Je nach Rezept können weitere Gewürze den Sud ergänzen. Das Ergebnis ist ein zarter Hering mit kräftiger Säure, deutlicher Würze und dem typischen Fettgehalt des Fischs, der die Marinade geschmacklich auffängt.
Bismarckhering: vielseitig und köstlich
Genau diese Verbindung macht den Bismarckhering bis heute so vielseitig. Im Fischbrötchen braucht er kaum Begleitung: ein gutes Brötchen, etwas frischen Salat, verfeinert mit frischen Zwiebelringen und Kräutern und ein vernünftig marinierter Hering reichen im Grunde aus. Ebenso klassisch ist die Kombination mit Bratkartoffeln oder Kartoffeln, bei der die Säure des Fischs auf die Röstaromen und die milde Stärke der Kartoffel trifft. Der Bismarckhering gehört damit zu jenen Gerichten, deren Qualität weniger von komplizierter Kochkunst als von guten Zutaten, einer ausgewogenen Marinade und dem richtigen Verhältnis von Säure, Salz und Fisch abhängt.
In Stralsund bekommt diese einfache Spezialität noch eine zweite Ebene. Wer hier am Hafen ein Bismarckheringsbrötchen isst, hat ein Stück Stadtgeschichte in der Hand. Zwischen Ostsee, Fischhandel, der Familie Wiechmann und dem ersten deutschen Reichskanzler entstand eine Geschichte, bei der sich heute kaum noch jedes Detail zweifelsfrei rekonstruieren lässt. Der Name aber ist geblieben. Und vielleicht ist das ohnehin die bemerkenswerteste Pointe: Von den unzähligen Dingen, die im 19. Jahrhundert nach Otto von Bismarck benannt wurden, gehört ausgerechnet ein sauer eingelegter Hering zu denen, die bis heute fast jeder kennt.
Ob sich die Geschichte tatsächlich genau so zugetragen hat, wird sich wohl nicht mehr klären lassen. Der entscheidende Brief ist verloren, unabhängige Belege für die Zustimmung Bismarcks fehlen. Die Stralsunder Überlieferung bleibt deshalb eine ebenso schöne wie plausible Geschichte – möglicherweise historische Wahrheit, möglicherweise eine Legende, die über Generationen weitergetragen wurde.
Frischer Hering und speziellen Marinaden
Wer Bismarckhering bestellt, sollte vor allem auf Frische, eine saubere Marinade und ein ausgewogenes Verhältnis von Säure und Würze achten. Der Fisch darf weich und zart sein, aber nicht breiig wirken, die Marinade sollte deutlich säuerlich schmecken, ohne den Hering zu überdecken. Gute Qualität erkennt man daran, dass der Eigengeschmack des Fischs erhalten bleibt und Zwiebeln, Lorbeer, Senfkörner und andere Gewürze nur begleiten. Im Brötchen kommt es zusätzlich auf die Einfachheit an: frisches Brötchen, ein guter Hering, Zwiebeln – mehr braucht es meist nicht. Der Genusskutter Free Willy lädt mit einer besonderen Auswahl und Marinaden auf, die jedem Bismarckhering eine besondere Note verleiht, zum Beispiel Rollmops mit Gewürzgurke oder Pfefferhering (Pfefferlappen) für den, der es etwas schärfer mag.










